Störungsbilder

ADHS

ADHS ist ein komplexes Störungsbild mit der Kernsymptomatik: Störung der Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hypermotorik (fakultativ). EMDR kann diese Störung nicht heilen, aber häufig einiges zur Verbesserung der Symptomatik und von Folgestörungen beitragen.

Es kann einerseits belastende Erlebnisse geben, welche die Symptomatik verschlimmert haben und diese können mit EMDR behandelt werden. Andererseits führt die Symptomatik selbst oft zu Misserfolgserlebnissen, depressiven Reaktionen, Lernblockaden u. a. m., welche Ansatzpunkt von EMDR sein können.

Akkuttrauma

Akute Traumata sind für viele Menschen durch den natürlichen Heilungsprozess selbst überwindbar und brauchen deshalb nicht zwingend eine Behandlung. Dennoch fühlen sich viele Menschen in der Akutphase sehr hilflos und von den negativen Bildern des Geschehnisses überwältigt. Der Leidensdruck ist häufig intensiv. EMDR verfügt über mehrere erprobte Protokolle, welche die Linderung der akuten Problematik behandeln. So verschwinden die intrusiven Bilder oft rasch durch eine Akutbehandlung. Auch kanndas Auftreten der Symptomatik einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) so verhindert werden.

Beziehungsprobleme

Es gibt zwar nur wenige Studien zu diesem Thema, aber EMDR kann bei der Behandlung von Personen mit Beziehungsproblemen sehr hilfreich sein. Die Behandlungsmethode EMDR geht vom Grundsatz aus, dass Ereignisse, die sich in der Kindheit, in der Jugend oder sogar im Erwachsenenalter ereignet haben, einen Einfluss darauf haben können, wie sich die Person in ihren Sozial-, Freundschafts- oder Liebesbeziehungen verhält. Die Suche nach der Ursache für die aktuellen Probleme und deren Verarbeitung mit Hilfe von EMDR können sich sehr nutzbringend auf die aktuellen Beziehungsprobleme auswirken.

Burn-Out

EMDR kann sich als sinnvoll erweisen, um Probleme zu behandeln, die einem Burnout zugrunde liegen. Beispiele: Die Schwierigkeit einer Person, „Nein“ zu sagen, mit Arbeit überhäuft zu werden und sich zu erschöpfen; Konflikte oder Schwierigkeiten im Leben, welche die Anpassungs- und Integrationsfähigkeiten einer Person übersteigen usw. Die Person analysiert gemeinsam mit ihrer/ihrem PsychotherapeutIn, inwiefern die EMDR-Behandlungsmethode sinnvoll und nützlich ist.

Depressionen

Viele chronisch depressive Menschen haben in ihrer Vorgeschichte belastende Erfahrungen wie beispielsweise Traumatisierungen und/oder psychische Verletzungen im Kontakt mit anderen Menschen gemacht, die sie nicht verarbeiten konnten und die dysfunktional gespeichert sind. Dazu gehören beispielsweise auch Erfahrungen von Abwertung, Demütigung und ständiger Überforderung.

Diese Erfahrungen führen zu kognitiven Verzerrungen, also dazu, dass die Betroffenen sich selbst sehr negativ bewerten und dann unter dem schlechten Selbstbild leiden.

Hier kann EMDR sehr gut eingesetzt werden. Wenn es gelingt, die dysfunktional gespeicherten Erinnerungen und damit die kognitiven Verzerrungen zu verarbeiten, nimmt auch die Depression in der Regel ab, da die Ursache der Depression beseitigt ist.

Zum Einsatz von EMDR bei Depression gibt es bisher eine vielversprechende Pilotstudie.  Eine international angelegte wissenschaftliche (RCT) Studie in fünf europäischen Ländern mit mehreren hundert PatientInnen wird derzeit durchgeführt.

Dissoziative Störungen

In der Vergangenheit war die Behandlung von Personen mit dissoziativen Störungen kontraindiziert. Heute zeigen verschiedene Fallbeispiele, dass EMDR bei diesen Störungen unter gewissen Vorbedingungen sehr wohl angewendet werden kann: Ein ausreichend stabiler Zustand der/des PatientIn, eine grosse Erfahrung der/des TherapeutIn sowohl in Bezug auf EMDR als auch auf dissoziative Störungen (und auf die Theorie der strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit), die Behandlung mit spezifischen, in erster Linie auf die Ressourcen ausgerichteten Protokollen. Einige Fallstudien haben gezeigt, dass EMDR dann situationsbezogen hilfreich sein kann.

EMDR bei chronischem Schmerz

Wir können zwischen peripherem und zentralem Schmerz unterscheiden. Von peripherem Schmerz wird gesprochen, wenn es eindeutige Ursachen im Körper gibt, wie beispielsweise einen eingeklemmten Nerv, Muskelkrämpfe oder Gewebeschädigungen und Entzündungen, wie sie bei Verbrennungen, Bandscheibenprolap, Stumpfschmerzen und Rheumatismus vorkommen.

Beim zentralen Schmerz findet sich keine direkte, aktuell wirkende, eindeutige Ursache im Körper. Der Schmerz wird also empfunden, obwohl es derzeit körperlich keinen ersichtlichen Grund dafür gibt. Zentraler Schmerz ist nicht verarbeiteter, erinnerter Schmerz, der im sogenannten Schmerzgedächtnis gespeichert ist.

Wenn der Schmerz ein Erinnerungsfragment eines Traumas ist, kann er sehr gut mit EMDR verarbeitet werden.

Dabei ist es meistens sinnvoll, zunächst die Erinnerung an das Ereignis, das den Schmerz auslöste, zu bearbeiten und dann den Schmerz selbst anzugehen.

Wenn der Schmerz peripher ist, ist der Einsatz von EMDR nicht die erste Wahl. Der Schmerz selbst kann dann nicht prozessiert werden,  jedoch die Belastungen, die mit dem Schmerz verbunden sind, wie beispielsweise Angst, Panik oder depressive Verstimmung. Dadurch kann es zu einer deutlichen Entlastung kommen und durch die Entlastung und Spannungsabnahme kann sich, je nach Fall, auch das Erleben und Bewerten des Schmerzes ändern.

EMDR bei Kindern

Die Behandlung mit EMDR ist bei Kindern gut erprobt und ebenso hilfreich wie bei Erwachsenen. Wichtig ist, dass es durch erfahrene KindertherapeutInnen angewandt und dem jeweiligen Alter angepasst wird. EMDR kann bei Kindern auch gut in eine Spieltherapie integriert werden.

Die hauptsächliche Indikation ist die Behandlung von Traumata. EMDR ist bei Problemen, die für die Kinder relativ abgeschlossen sind, aus einer Position heutiger Sicherheit heraus gut anwendbar, v.a. bei isolierten Traumata (Autounfall, belastende Operation, o. ä.). Aber auch bei diesen, auf den ersten Blick ‚einfacheren‘ EMDR-Behandlungen, ist es wichtig, die Indikation für EMDR genau abzuklären und eine stabile Vertrauensbeziehung zum Kind zu entwickeln.

Schwieriger wird es, wenn die Traumatisierung heftig und/oder chronisch und wenn das nähere Umfeld des Kindes mit betroffen ist. Da ist dann auch bei Kindern eine längere und umfassende Therapie notwendig und EMDR wird nur ein Teil der Behandlung sein.

Selbstverständlich können bei Kindern und Jugendlichen auch andere Störungen der Indikationenliste wie ADHS, Zwänge, Ängste, Depressionen, Essstörungen und Schmerzen mit EMDR behandelt werden.

EMDR bei Tinnitus

Die Ursachen vom Tinnitus können vielfältig sein und müssen deshalb fachärztlich abgeklärt und gegebenenfalls entsprechend behandelt werden. Bei Tinnitus versucht das Gehirn die Störung der Hörwahrnehmung zu kompensieren und reguliert dabei die Aktivität in der zentralen Hörbahn hoch. Die so entstehende übermäßige Aktivität wird dann als Geräusch wahrgenommen. Auslösend oder verstärkend für den idiopathischen Tinnitus können stressbeladene Lebensphasen und Situationen sein. Die an Tinnitus leidenden Menschen fühlen sich meistens dem Tinnitus gegenüber hilflos und ohnmächtig, was auch zu Schlaflosigkeit, Depressionen und Angstzuständen führen kann.

Die EMDR-Therapie kann je nach Fall bei Tinnitus hilfreich sein. Sie versucht hier als psychosomatische Behandlung die Balance der gestörten Informationsverarbeitung wieder herzustellen, was zu einer Entlastung führt. Die PatientInnen erhalten wieder die Kontrolle über sich und erleben vielfach die ganze oder eine teilweise Auflösung der Tinnitusbeschwerden.

Essstörungen

EMDR ist bei Essstörungen, eingebettet in eine Gesamtbehandlung,  eine sehr hilfreiche Methode. Mit EMDR können einerseits Traumata behandelt werden, welche die Essstörung mit verursacht haben, andererseits aber auch belastende Erlebnisse und/oder belastende Vorstellungen, welche im Zusammenhang mit der Essstörung stehen.

Bei der Bulimie kann auch das Wiedererlangen der (Impuls) Kontrolle ein Ansatzpunkt von EMDR sein.

Geburtshilfe

Im Bereich der Geburtshilfe gibt es viele traumatische Erfahrungen. So werden Aborte, Fehl- und Totgeburten, aber auch Abtreibungen häufig traumatisch erlebt. Auch belastende Erlebnisse während der Schwangerschaft und/oder der Geburt sowie Geburtskomplikationen sind oft traumatisierend. Wie bei andern Traumata ist die Behandlung mit EMDR hier sehr hilfreich.

Generalisierte Angststörung

Diese Störung zeigt sich durch eine generalisierte und anhaltende Angst. Die Besorgnis und Befürchtungen beziehen sich auf alltägliche Ereignisse und Probleme, häufig sind Ängste vor zukünftigen Unglücken oder Krankheiten, welche einen selbst oder Angehörige betreffen. Die Angstzustände verunmöglichen eine normale Bewältigung des Alltags. Es stellt sich auch eine Angst vor der Angst ein, die in der Regel das Angsterleben noch weiter verstärkt und das Leben immer mehr einengt. Regelmässig liegen auch körperliche Symptome vor wie Tachykardie, Schwitzen, Schwindelgefühle, Benommenheit, Oberbauchbeschwerden.

Als Ursachen für die Angststörung werden soziale und genetische Faktoren angenommen, häufig spielen auch traumatische Erfahrungen bei der Entstehung eine wichtige Rolle.

Selten sind die Ängste durch eine körperliche Ursache bedingt. Ist dies medizinisch ausgeschlossen, dann ist EMDR eine Behandlungsmethode, die Sie im Abbau und Bewältigen dieser Ängste erfolgreich unterstützen kann. Über den Kontakt mit einer/m EMDR TherapeutIn können Sie klären, ob und wie Sie von der Behandlungsmöglichkeit mit EMDR profitieren können.

Infertilität

Die Infertilität wird von Paaren als sehr belastend und traurig erlebt. Die Behandlung mit EMDR und parallel dazu verwendete Ressourcentechniken helfen die langwierige und mühselige, oft mit vielen Enttäuschungen versehene Zeit besser durchzustehen. Auch die Belastungen durch medizinisch schmerzhafte Interventionen und Prozesse können mit EMDR reduziert werden. Klinische Erfahrungen weisen zudem darauf hin, dass die Behandlung mit EMDR bei als infertil diagnostizierten Paaren auch zu einer Zunahme von Schwangerschaften führt.

Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung

Viele Traumatisierte entwickeln eine Traumafolgestörung als Folge mehrfacher Traumatisierungen über einen längeren Zeitraum hinweg mit meist frühem Beginn in der Kindheit. Diese Traumafolgestörung wird als Komplexe Traumafolgestörung oder auch Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung bezeichnet.

Die Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) erfasst häufig nicht die Hauptsymptome von Opfern länger anhaltender interpersoneller Gewalt. Diese haben neben den traumatypischen Problemen bei der Verarbeitung der dysfunktional gespeicherten Erinnerungen (PTSB-Symptomatik) vor allem Mühe mit ihren Affekten und ihrer Affektregulation und mit Beziehungen zu anderen und sich selbst. Und sie können auch unter einer Vielzahl von weiteren Störungen wie Angststörungen, Depressionen, Substanzabhängigkeit, Somatisierungsstörungen, Dissoziativen Störungen etc. leiden.

Da die Ursache dieser Störungen im Gefolge einer Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung in nicht verarbeiteten, also derzeit dysfunktional gespeicherten Erinnerungen liegt, ist der Einsatz der Psychotherapiemethode EMDR hier auch sehr sinnvoll. Allerdings muss die Traumaverarbeitung in ein Gesamtkonzept eingebettet sein.

Zurzeit gibt es eine große Zahl von Fallstudien, welche darauf hinweisen, dass EMDR für komplexe PTBS eine wichtige und hilfreiche Methode ist.

Konversionstörungen

Sofern der Konversionsstörung ein verstörendes oder traumatisches Ereignis (oder auch mehrere) zugrunde liegt, so ist das Symptom in diesem Fall als posttraumatisches Symptom verstanden werden und EMDR kann sich als hilfreiche Methode erweisen. Allerdings hängt dies von der Schwere der Konversionsstörung ab. Liegt der Konversionsstörung kein Ereignis zugrunde, ist es ratsam, gemeinsam mit der/dem EMDR-PsychotherapeutIn zu analysieren, ob sich diese Technik hilfreich und/oder indiziert ist. Es ist ratsam, sich zu vergewissern, dass die/der TherapeutIn befähigt ist, mit Personen mit Konversionsstörungen zu arbeiten.

Migräne

Grundsätzlich ist bei Migräne eine medizinische Beurteilung sinnvoll. Neben anderen Massnahmen wie Vermeiden von Auslösern (wie bestimmte Esswaren oder Alkohol) und Stressbewältigungsstrategien, Integrieren von regelmässiger Bewegung in den Alltag u. a. ist EMDR häufig eine wesentliche Unterstützung in der Behandlung von MigränepatientenInnen.

Ein spezielles Migräneprotokoll (iEMDR) mit wissenschaftlicher Evidenz ist in den USA entwickelt worden. Dieses kann innerhalb einer Sitzung bei 95% der Betroffenen eine akute Migräne verschwinden lassen.

In einer zweiten Phase der Behandlung wird dann darauf abgezielt, die Auftretenshäufigkeit, -intensität und -dauer von Migräne zu verringern. Dieses Verfahren zeigt gute klinische Erfolge.

Panikstörung - Panikattacken

Bei Panikstörung leiden die Betroffenen unter wiederkehrenden Panikattacken, d. h. einer extremen Angstreaktion mit vegetativen Symptomen wie, Herzrasen , oder -stolpern, Atemnot, Schweissausbruch, Schwindel, Engegefühl in der Brust, Zittern, Übelkeit und anderen Beschwerden. Es bildet sich eine Angst vor den Attacken mit Vermeidungsverhalten. Häufig treten Panikstörungen zusammen mit einer Agoraphobie auf (Angst vor bestimmten Orten, welche aus diesem Grunde gemieden werden).

Bis jetzt galt Verhaltenstherapie mit oder ohne Medikation als erfolgreichste Therapie dieser Störung. Einige Studien weisen darauf  hin, dass EMDR der verhaltenstherapeutischen Behandlung ebenbürtig ist. Der Vorteil der Behandlung mit EMDR ist, dass nicht nur gelernt wird, mit der Angst umzugehen, sondern dass die dysfunktionalen Erinnerungen, die Angstörungen verursachen, verarbeitet werden können.

Es hat  sich gezeigt, dass dies auch dann möglich ist, wenn den Ängsten keine traumatischen oder andere auslösenden Erlebnisse zugrunde liegen oder diese nicht bekannt sind. Wichtig ist eine ausführliche Vorbereitung auf die Behandlung mit EMDR im engeren Sinne (Prozessieren).  Der Erfolg dürfte wesentlich davon abhängig sein, ob die Betroffenen gut genug vorbereitet  sind auf das Auftreten von überwältigenden Gefühlen während des Prozessierens. Erfreulich sind die Langzeitresultate, d. h. die positiven Ergebnisse bleiben stabil.

Peakperformance

Viele SportlerInnen, Kunstschaffende, aber auch ManagerInnen oder Leute in wichtigen Positionen können mit dem Druck des Ausgestellt-Seins oder mit dem Erwartungs- und Erfolgsdruck nur bedingt umgehen und haben oft Angst, in den entscheidenden Situationen zu versagen. EMDR kann diese Belastungen behandeln und den Druck reduzieren. Es können aber auch übertriebene Ansprüche an sich selber angegangen werden und die Betroffenen können lernen, die Idee des „Perfekt-sein-müssens“ los zu lassen.

Phantomschmerzen

Mehrere Fallstudien und multiple Fallstudien haben die Wirksamkeit von EMDR bei Phantomschmerzen bzw. bei Personen mit Schmerzen aufgrund eines amputierten Körperglieds aufgezeigt. Das Modell von F. Shapiro hat diese Art von Schmerz als Resultat einer unvollständigen Integration der traumatischen Erfahrung der Amputation und mitunter des Unfalls, der zur Amputation geführt hat, konzeptualisiert. Mit EMDR kann diese traumatische Erfahrung, die sich hauptsächlich in Form von Schmerzen ausdrückt, trotz der Amputation verarbeitet werden. Diesbezügliche Studien haben bei rund zwei Dritteln der Betroffenen eine deutliche Abnahme oder ein Verschwinden der Schmerzen nach einer Behandlung mit EMDR gezeigt; dabei war die Behandlungsdauer häufig kurz. Scheinbar ist der Phantomschmerz des Beines leichter zu behandeln als derjenige des Arms.

Phobien

Phobien sind krankhafte, das heisst unbegründete Ängste vor Situationen, Gegenständen, Tieren, Tätigkeiten oder Personen (bspw. Vögel-, Insekten-, Spinnenphobie, Höhenangst, Flugangst, Angst in geschlossenen, kleinen Räumen; Angst vor Zahnarzt- und/oder Arztbesuchen).

Bei Phobien ist EMDR eine sehr erfolgreiche Behandlungsmethode.  Studien weisen darauf hin, dass EMDR der Expositionstherapie (verhaltenstherapeutische Methode) dann überlegen ist, wenn die Phobie klar durch ein traumatisches Erlebnis ausgelöst wurde.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Zum menschlichen Leben gehören die verschiedensten psychischen Belastungen und Verletzungen. Ein Trauma jedoch ist eine psychische Verletzung von einer solchen Intensität, dass unser psychisches Verarbeitungssystem überfordert wird und wir von Ohnmacht und existentieller Angst überflutet werden. Solche Ereignisse sind Gewalttaten jeglicher Art (Vergewaltigung, Überfall, Geiselnahme, Misshandlung oder Kriegserlebnisse), Unfälle, bedrohliche Naturereignisse oder Umweltkatastrophen.

Es kommt zu Fehlabspeicherungen der Wahrnehmung dieser Situation in unserem Gehirn. Über die dysfunktional gespeicherten Erinnerungen führt die psychische Traumatisierung  zu sehr spezifischen psychischen und körperlichen Symptomen, so  beispielsweise zu chronischer Übererregung des vegetativen Nervensystems mit anhaltender Nervosität, Verspannungen, erhöhtem Puls und Blutdruck. Auch die so genannten Überflutungssymptome sind typisch. Diese bewirken, dass Traumatisierte, auch wenn sie längst wieder in Sicherheit sind, mit Bildern, Gedanken oder Albträumen so „überflutet“ werden, dass es sich für sie so anfühlt, als ereigne sich die lebensbedrohliche Situation immer noch oder gerade jetzt.

Ebenso gehören die Vermeidungssymptome zu den typischen Folgen: Symptome, die der Vermeidung von Auslösereizen („Triggern“) für Überflutungen dienen, wie sozialer Rückzug, Angstzustände, Taubheitsgefühle, psychosomatische Beschwerden oder Suchtmittelmissbrauch.

Nicht alle schwierigen Ereignisse führen zu psychischen Störungen. Rund drei Viertel der Traumatisierungen können wir mit der Zeit selbst und zusammen mit Menschen in unserer Umgebung verarbeiten. Bei rund einem Viertel der Traumatisierungen jedoch kommt es nicht zu diesen Verarbeitungsprozessen: Die traumaspezifische dysfunktional gespeicherte Erinnerung bleibt fraktioniert und die Informationsverarbeitung bleibt blockiert; daraus entwickeln sich dann Symptome und Beschwerden. EMDR ist eine sehr effektive und schonende Methode zur Verarbeitung  der dysfunktional gespeicherten Erinnerungen, was zu einer Heilung oder mindestens deutlichen Verbesserung der Symptomatik führt.

EMDR ist eine der Therapiemethoden erster Wahl zur Behandlung der PTBS, auf breiter Basis wissenschaftlich abgestützt und anerkannt.

Schizophrenie

Derzeit gibt es keine Forschungsstudie, die sich mit der Anwendung von EMDR bei Schizophrenie befasst. Es ist allerdings möglich, dass Personen, die an Schizophrenie leiden, verstörende Erfahrungen gemacht oder Traumata erlebt haben, welche ihre Symptomatik verschlimmert oder dazu beigetragen haben, dass diese auftritt. Der Einsatz von EMDR kann sich als sinnvoll erweisen, um die Erinnerungen an diese Ereignisse zu verarbeiten, damit der Stress und die damit verbundene Symptomatik gemindert werden. In diesem Fall sollte mit einer EMDR-Behandlung nur dann begonnen werden, wenn die/der PatientIn gefestigt ist und korrekt die passenden Medikamente einnimmt. Die EMDR-Behandlung sollte von einer/einem TherapeutIn durchgeführt werden, die sich auch auf dem Gebiet der Schizophrenie auskennt. Diese Schlussfolgerungen leiten sich aus Fallberichten und Feedbacks von KlinikerInnen ab, um diese zu untermauern, muss in diesem Bereich jedoch noch Forschungsarbeit betrieben werden.

Die gleichen Bemerkungen und Empfehlungen gelten auch für die psychotischen und bipolaren Störungen.

Selbstwertstörungen

Die Behandlungsmethode EMDR geht vom Grundsatz aus, dass Ereignisse, die sich in der Kindheit, in der Jugend oder sogar im Erwachsenenalter ereignet haben, einen Einfluss darauf haben können, wie wir uns wahrnehmen. EMDR kann sich bei der Behandlung von Selbstwertproblemen als sehr effizient erweisen; dabei wird nach den Situationen gesucht, die die Ursache dieser Probleme sind, und anschliessend verarbeitet.

Sexuelle Probleme

EDMR ist die geeignete Behandlungsmethode, wenn dem sexuellen Problem ein verstörendes oder traumatisches Ereignis (oder mehrere) zugrunde liegt. In diesem Fall ist das Symptom als post-traumatisches Symptom zu betrachten. Liegt den sexuellen Störungen kein Ereignis zugrunde, ist es ratsam, gemeinsam mit der/dem EMDR-PsychotherapeutIn zu analysieren, ob sich diese Technik nützlich und/oder indiziert ist.

Substanzmissbrauch

Bei der Behandlung des Substanzmissbrauchs bestehen gute Erfahrungen mit dem Einsatz von EMDR. Besonders erfolgsversprechend ist ein Verfahren, welches von Dr. Michael Hase, Deutschland, entwickelt wurde. Die Vorgehensweise ist so, dass zuerst das Craving, also der Drang und das Verlangen, mit einem spezifischen Protokoll behandelt wird, um den Betroffenen eine Linderung ihrer Abhängigkeit zu ermöglichen. Danach werden die traumatischen und schwierigen Erinnerungen in der Vergangenheit, welche möglicherweise zur Abhängigkeit geführt haben, mit dem EMDR- Protokoll behandelt.

Die Behandlung einer chronifizierten Suchtstörung dauert auch mit EMDR entsprechend länger, je nachdem, wie schwer sie ist und ob sie bereits zu körperlichen und sozialen Folgeerscheinungen geführt hat.

Täter und Gewalt - oder asoziales Verhalten

Studien belegen, dass auch im Falle von Gewaltbereitschaft und sogar Pädophilie, bei therapiewilligen Tätern eine Verringerung der Symptomatik erzielt werden kann. Ronald Ricci, Wissenschaftler in den USA, konnte bei Pädophilen eine Reduktion der Erregung durch Kinderfotos erzielen, wenn die eigenen traumatischen Missbrauchsthemen durch Entwicklung von Empathie für leidende Kinder, speziell ihr eigenes inneres, verletztes Kind, angegangen wurde.

Zwangsstörungen

Neuere Forschung hat gezeigt, dass EMDR, in Kombination mit Verhaltenstherapie besonders wirksam ist. EMDR ist dabei eine große Unterstützung bei der Emotionsregulierung und erleichtert die Expositionstherapie.

Sind die Zwänge durch ein Trauma (mit) bedingt ist EMDR speziell indiziert.

EMDR ist bei Zwängen eine gut erprobte Behandlungsmethode.